Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Kurse und Vorlesungen in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft

Sommersemester 2022

Vorlesung: Literatur und das Nachleben der Religion / Prof. Dr. Daniel Weidner

Literatur und Religion haben ein enges Verhältnis. Viele literarische Formen und Gattungen haben einmal religiöse Ursprünge gehabt, Literatur ist lange in religiösen Kontexten gepflegt worden, bis in die Gegenwart hinein verhandeln literarische Texte oft religiöse Fragen und Probleme, manchmal übernimmt Literatur auch Funktionen der Religion. All diese Momente prägen auch in modernen Gesellschaften, in denen Religion zumindest auf den ersten Blick keine zentrale Funktion mehr hat, unser Verständnis von Literatur – sie zu kennen ist daher wichtig, um Literatur im umfassenden Sinne zu verstehen. Die Vorlesung entwirft an ausgewählten Beispielen aus der langen europäischen Literaturgeschichte einen Blick auf einige dieser Konstellationen: Wie Hymne und Tragödie aus dem religiösen Ritual hervorgehen, wie Literatur mit dem Mythos umgeht und in mythischen Elementen Religiöses auch in der ‚entzauberten‘ Welt fortlebt, welche Rolle Heilige Texte für die Literatur spielen und wie sich an ihnen so etwas wie Hermeneutik ausbildet, wie Literatur sich von Passion, Opfer, Mystik faszinieren lässt, wie Autobiographien die Frage der Seele und Romane das Thema der Providenz verhandeln, wie religiöses Theater die Welt auf die Bühne bringt, wie verschiedene Religionen jeweils neue Literaturformen hervorbringen und wie religiöse Spannungen und Konflikte literarisch ausgetragen werden.

Zur Einführung: Daniel Weidner (Hg.): Handbuch Literatur und Religion, Metzler 2016 (online)

Werkstatt Publizistik Weimarer Republik / Dr. Claudia Hein und Prof. Dr. Daniel Weidner

Die Weimarer Republik ist die große Zeit der Publizistik. Walter Benjamin, Gottfried Benn, Alfred Döblin, Hugo von Hofmannsthal, Irmgard Keun, Thomas und Heinrich Mann, Robert Musil, Josef Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold Zweig etc. – all diese wichtigen Autoren der Zeit veröffentlichten in Zeitschriften. »Die literarische Welt«, »Die Neue Rundschau«, »Das Tagebuch« oder »Die Weltbühne« – so die sprechenden Namen einiger dieser berühmt gewordenen Publikationsorgane, die literarisch-kulturell, aber ebenso politisch orientiert waren. Die Zeitschriftenlandschaft ist weit, die Themen sind vielfältig, dabei noch wenig erforscht. Geschrieben wird über Literatur, den Kunstmarkt, Theaterskandale, das neue Medium des Films wie über die Jugendbewegung oder über Genderfragen; »Unsere armen Wörter« kommen gleichermaßen zur Sprache wie die »Geschlechtskälte der Frau«, diskutiert wird über das männliche Pendant der Maitresse oder über die Frage, ob »ein Museum eine Tür haben« soll.
Wir wollen uns im Seminar praktisch mit der Publizistik der Weimarer Republik befassen und dabei alternative und für die Literaturwissenschaft ungewohnte Arbeitsformen ausprobieren. Die Teilnehmer:innen werden gemeinsam eine digitale Anthologie publizistischer Texte erarbeiten. Mit dem Format eines Design-Sprints entwirft das Team eine Konzeption und entwickelt einen Prototyp, der dann – vermutlich? – Grundlage eines Blogs wird. Es geht im Seminar darum, gemeinsam und in intensiver Teamarbeit wirklich an und mit dem Material zu arbeiten und ein reales Produkt zu erstellen.

Schreiborte – Writing Places / Dr. Jana Mende

Das Seminar nimmt den Prozess und Ort des literarischen Schreibens in den Fokus: Wo entstanden und entstehen eigentlich literarische Texte? Wie beeinflusst die äußere Umgebung den Schreibprozess, die Schreibenden und die Werke: der Schreibtisch von Kafka, der Küchentisch von Agatha Christie, Marcel Prousts Bett, das Arbeitszimmer von Friederike Mayröcker, Goethes Gartenhaus, Thomas Manns Häuser in Werk und Leben, Berlin, Paris, London, oder Istanbul als Literatur- und Schreiborte. Schreiborte beginnen im privaten Umfeld des eigenen Zimmers, der Wohnung, im Haus und Garten und gehen über in öffentliche Räume des Alltags, im Café, auf der Straße, in der Stadt.

Wir besuchen Friederike Mayröcker in ihrer Wohnung, gehen mit Lenka Reinerová in das Traumcafé einer Pragerin, spazieren durch Johann Friedrich Reichardts Garten, der Herberge der Romantik, in Halle und erkunden verschiedene Städte als Schreiborte der Literatur(geschichte).

Dazu werden Sie verschiedene Theorien der Literaturgeographie und Literaturtopographie kennenlernen und verschiedene Methoden zur Darstellung und Analyse von Schreiborten wie Cartopology, narrative Mapping oder Stadterzählungen/Urbanarrative verwenden, um Texte der Autor*innen und Ortsbezüge zu analysieren. Diese Analysen werden wir in Blogeinträgen dokumentieren. Wir werden uns auch damit beschäftigen, wer zu welcher Zeit welche Räume zur Verfügung hatte und wie sich diese Beschränkungen auf die Literatur auswirken.

Unser Material besteht aus Texten, Textauszügen, Fotographien der Schreibtische, Arbeitszimmer, Häuser, Karten der Schreiborte, der Städte und Landschaften, Filmen.

Das Seminarprogramm umfasst eine Miniexkursion in Reichardts Garten, der ‘Herberge der Romantik’  in Halle, der u.a. Teile der Sammlung Des Knaben Wunderhorn entstanden sind (voraussichtlich im Mai).

Zum Draufklicken:

Literaturatlas: Piatti, Barbara: Interaktive Visualisierungs- und Analyseinstrumente für die Geographie der Literatur. Online verfügbar unter http://www.literaturatlas.ethz.ch/project/index.html   . (Video zur Projektdarstellung Atlas europäischer Literatur).

Methoden: Writingurbanplaces WG3: Repository of Methods. Online verfügbar unter https://padlet.com/repositoryofmethods/methods   , zuletzt geprüft am 07.03.2022.

Literatur:

Woolf, Virginia: A Room of One’s Own. https://gutenberg.ca/ebooks/woolfv-aroomofonesown/woolfv-aroomofonesown-00-h.html    (zuletzt abgerufen am 7.3.2022) (Bitte bis zur 3. Sitzung lesen)

Weitere Literatur wird im Seminar bekanntgegeben und zur Verfügung gestellt.

Einführung in die deutsch-jüdische Literatur / Prof. Dr. Daniel Weidner

Die Frage nach der ‚Identität‘ und ‚Zugehörigkeiten‘ von Minderheiten ist nicht neu in der Literatur. Im deutschen Sprachraum lässt sie sich vor allem an jüdischen AutorInnen untersuchen, die seit der Emanzipation am Ende des 18. Jahrhunderts auf Deutsch schreiben, aber als Juden gelesen werden. Ihre Texte drücken die schwierige und prekäre Stellung der Juden in Deutschland während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus, reflektieren über komplexe und oft widersprüchliche kulturelle Zugehörigkeiten und Subjektkonzepte und zeigen , wie sich komplexe Aushandlungen von Selbst- und Fremdzuschreibungen gerade in der literarischen Form vollziehen.

Anhand von fünf Prosatexten bzw. Auszügen führt das Seminar in die deutsch-jüdische Literatur vom späten 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Die Arbeit im Seminar besteht vor allem aus gemeinsamer Textarbeit, die von Gruppen vorbereitet und angeleitet wird. Mitarbeit in einer der fünf Vorbereitungsgruppen ist obligatorisch.

Texte: Salomon Maimon: Lebensgeschichte, von ihm selbst erzählt (Jüdischer Verlag 2019); Rahel Varnhagen: Briefe und Aufzeichnungen (in Auszügen, Insel 1986); Heinrich Heine: Der Rabbi von Bacherach (Reclam 1983); Karl Emil Franzos: Der Pojaz (Rotbuch Verlag 2005); Joseph Roth: Hiob (Fischer 2005).
Zur Einführung: Hans Otto Horch (Hg.): Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur (2016) (online); Hans Schütz: Juden in der deutschen Literatur. Eine deutsch-jüdische Literaturgeschichte im Überblick (Piper 1992).

Kulturgeschichte der Klage / Neela Janssen

„Es wecke die Klage / Den Todten nicht auf, / Das süßeste Glück für die traurende Brust, / Nach der schönen Liebe verschwundener Lust, / Sind der Liebe Schmerzen und Klagen.“ -- So schreibt Friedrich Schiller 1798 in Des Mädchens Klage und wirft bereits in diesen wenigen Zeilen einige Fragen auf, die uns durch das Semester begleiten werden: Was bedeutet es, über Verlorenes zu sprechen? Welche Rolle spielt das Abwesende? Wie wird es in den Texten jeweils literarisch anwesend gemacht? Welche Funktionen erfüllt die Klage, ihre literarische Inszenierung und sprachliche Performance? Welches Potential für Individuum und Gesellschaft steckt in ihr?
Dabei werden wir uns ausgehend von Schiller und Autoren wie Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke bis Bertolt Brecht im Verlauf des Seminars auch in weiter entfernte historische Tiefen vorwagen: Mittelalterlicher Minnesang wird uns neben der Elegie ebenso interessieren wie antike Klageweiber, die Totenklage und biblische Lamentation. Die Beschäftigung mit diesen Traditionen soll stets auch den Blick auf das 21. Jahrhundert erhellen: Welche Spuren der Klage finden sich in gegenwärtiger Literatur und Lyrik? Welche Konstellationen von Trauer, Geschlecht und Kulturkritik finden sich in diesen Beispielen wieder? Und wie lassen sich kontemporäre Ausdrucksformen von Schmerz und Verlust, gerade auch in Zeiten des Krieges, in diese europäische Kulturgeschichte der Klage einordnen?

Kafka & Co. / Dr. Robert Buch

Franz Kafka läßt sich zwar in die literaturhistorischen Koordinaten seiner Zeit eintragen, gilt aber gleichwohl als singuläre Erscheinung. Zu den möglichen Richtungen, die sich in Kafkas Werk finden, zählen der Symbolismus und die Dekadenz des Fin de siècle, ein an Bewussteinsprozessen und Wahrnehmung interessiertes, impressionistisches Schreiben in der frühen Prosa, später dominieren expressionistische Themen und Verfahren sowie eine neusachliche Faszination für Technik und bürokratische Rationalität. Trotz dieser vielfältigen Bezüge besteht, wie gesagt, eine Tendenz, Kafka als Solitär, als einziges Exemplar eines Schreibens sui generis zu betrachten. Dieser vermeintlichen Ausnahmestellung soll hier aus einer anderen Richtung entgegengearbeitet werden. Denn ›Kafka‹, der Name und das Werk, stellt ein Paradigma für das Verständnis moderner und spätmoderner Literatur überhaupt dar, dessen Charakteristika in zahlreichen Ausprägungen zu finden sind. Der Kurs stellt sich die Aufgabe, dieses Paradigma, seine Abwandlungen und Anverwandlungen, näher zu bestimmen. Dabei wechseln wir zwischen Lektüren einiger einschlägiger Erzählungen Kafkas und seiner Kurzprosa und derjenigen einer Reihe von Vorwegnahmen, Parallelen und Reprisen. Zu den möglichen Vorläufern gehören die Russen Nicolai Gogol und Anton Čechov der dänische Schriftsteller Søren Kierkegaard und der Amerikaner Herman Melville; zu den Zeitgenossen zählen beispielsweise der Schweizer Robert Walser, der Chinese Lu Xun oder der Portugiese Fernando Pessoa. Hier wie auch bei den nachfolgenden ›Erben‹ Kafkas soll es jedoch keineswegs, das sei ausdrücklich betont, um belegbare Einflüsse oder Filiationen gehen, sondern um eine Familienähnlichkeit, die mit den Schlagwörtern kafkaesk oder absurd nur bedingt erfasst wird. Zu den anderen möglichen ›Verwandten‹ und Nachfahren Kafkas sind, um nur einige prominente Beispiele zu nennen, der Ire Samuel Beckett, der Argentinier Jorge Luis Borges, die Österreicherin Ilse Aichinger, der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee sowie die US-amerikanerische Autorin Lydia Davis zu rechnen. Aus Zeitgründen werden wir uns auf eine begrenzte Auswahl aus dieser vielköpfigen ›Company‹ beschränken.

Gender-Fluiditäten / Dr. Claudia Hein

»Brauchen wir wirklich ein ›wahres‹ Geschlecht? Mit einer Beharrlichkeit, die an Starrsinn grenzt, haben die Gesellschaften des Abendlandes dies bejaht.« An dieser Diagnose, die Michel Foucault vor mehr als vierzig Jahren stellte, scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben. Die Annahme einer grundlegend binären Struktur von biologischem Geschlecht wie sozio-kulturellem Gender, mit der dazugehörigen Notwendigkeit, sich einer der beiden Seiten klar zuzuordnen, ist im Mainstream der westlichen Kultur nach wie vor fest verankert.
Wir wollen im Seminar dementgegen literarische und theoretische Texte diskutieren, die Möglichkeiten ausloten, Sex, Gender und Begehren anders zu denken. Texte, die Räume eröffnen, in denen Bewegungen zwischen den Dichotomien des Weiblichen und Männlichen denkbar werden (crossdressing, sexchange, transgender), in denen sich ein Jenseits des Binären abzeichnet (intersex, nichtbinäre Transidentität, genderqueer) oder in denen der Versuch unternommen wird, geschlechtliche Codierung gänzlich zu verabschieden (postgender).
Zum einen soll es darum gehen, Einblicke in die Geschichte der transgender- und queerstudies zu gewinnen, die selbst aus Konflikten und Synergien von Feminismus, lesbian-, gaystudies entstanden sind. Einen Fokus wollen wir dabei auf nichtbinäre Theoretiker:innen legen – wie Kate Bornstein (»Gender Outlaw«, 1994), Leslie Feinberg (»Transgender Warriors«, 1996) und Judith Butler (»Undoing Gender«, 2004), die mit Ihren oft sehr persönlichen Texten ein ganz eigenes Vokabular entworfen haben.
Zum anderen wollen wir uns genderfluide Weltentwürfe ansehen, wie sie die Literatur des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Virginia Woolfs »Orlando« (1928) umkreist eine Figur, die durch die Jahrhunderte wandert, die erst Mann, dann Frau ist. Der Text ist höchst parodistisch, zugleich eine Hommage an Woolfs Geliebte Vita Sackville-West, in Rosi Braidottis Worten, eine der größten postgender Liebesgeschichten. Jackie Kays »The Trumpet« (1998) erzählt die Geschichte eines Jazztrompeters, dessen männliche Identität erst nach seinem Tod durch den weiblichen Körper seiner Leiche in Frage gestellt wird, was die Rollenbilder aller ihn umgebenden Personen ins Wanken bringt. Radikal performativ gedachte Identität trifft hier auf gleichermaßen radikal vorhandene Körperlichkeit. Abschließend wollen wir einen Blick in den für Transgender-Fragen äußerst ergiebigen Bereich der Science-Fiction werfen. Octavia Butler entwirft in Ihrem Roman »Imago« (1989) eine aus drei Geschlechtern bestehende außerirdische Spezies, die sich in einem Genhandel mit den Menschen verbindet. Queerness wird hier zur Essenz des Daseins; das Begehren des Anderen schafft erst die jeweilige fluide Form der Körper. Der Text wirft die Frage nach der menschlichen Identität selbst auf. Wie lässt sich ein von Gender und Sex losgelöstes Begehren denken? Was heißt es, wirklich in ein Jenseits von abgegrenzten Identitäten einzutreten, in einen Bereich queerer ›Hybriditätspolitik‹?

Zeitgeschichte aufschreiben. Literatur als Chronik / Prof. Dr. Daniel Weidner

AutorInnen der Gegenwartsliteratur bezeichnen sich oft als „ChronistInnen“, die – ähnlich den mittelalterlichen Chronisten – verzeichnen, was um sie herum geschieht. Unter Rückgriff auf diaristische und dokumentarische Schreibweisen suchen sie nach alternativen Darstellungsformen, welche die Welt und vor allem die Geschichte nicht einfach fiktional ‚nacherfinden‘, sondern anders erfahrbar machen. Da wird eher aufgezählt als erzählt, oft in Verbindung mit anderen Medien wie der Photographie, oft im Bewusstsein einer Moderne, in der die Literatur längst nicht mehr Leitmedium ist, sondern mit dem Kino, der Zeitung, dem Netz um Aufmerksamkeit konkurriert. Wie kann man eigentlich noch schreiben (und was ist Geschichte) in einer sich rasend verändernden Gegenwart?
Das Seminar diskutiert anhand von fiktionalen und theoretischen Texten des 20. Jahrhunderts die Grundlinien dieser Schreibweise, die in der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit zunächst stark mit der Auseinandersetzung mit der Nachgeschichte des Nationalsozialismus verbunden ist, später aber auch zu einer wichtigen Reflexionsinstanz der Gegenwärtigkeit von Literatur wird. Ausgehend von allgemeinen Überlegungen über das Verhältnis von Literatur und Geschichte lesen wir Texte u.a. von Alfred Döblin, Walter Benjamin, Irmgard Keun, Rudolf Brunngraber, Alexander Kluge, Uwe Johnson, Christa Wolf, Walter Kempowski, Rainald Goetz, Kathrin Röggla, Annie Ernaux, Svetlana Alexijewitch.

Auschwitz in der europäischen Literatur / Marcel Matthies

Der Ortsname Auschwitz (Oświęcim) ist nach 1945 allmählich zur Metapher für einen Geschichtsbruch geworden. In den literarischen Texten über das Katastrophengeschehen verdichtet sich der Verlust übergeordneter Sinnzusammenhänge wie unter einem Brennglas. Was lässt sich über den kollektiven Vernichtungsvorgang erzählen? Wie wird der allgegenwärtige Tod literarisch verarbeitet? Welcher Sprache bedient sich die literarische Darstellung des Menschen in der Barbarei? Mit welchen Gestaltungsmitteln lässt sich das Erleben der Katastrophe zum Ausdruck bringen?

Diese und andere Fragen werden wir gemeinsam möglichst dicht am jeweiligen Text diskutieren. Was in den Texten wie vermittelt wird, steht als Schlüsselfrage im Zentrum der Veranstaltung. Zur ersten Sitzung am 8. April sind zwei kurze Textauszüge von Grete Salus und Albert Ménaché über die Ankunft in Auschwitz zu lesen, die im Stud.IP zugänglich sein werden. Weiterhin werden wir Texte von Jean Améry, Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Ruth Klüger, Primo Levi, Liana Millu und Peter Weiss lesen. Auch ein Filmabend mit Ausschnitten aus Claude Lanzmanns »Shoah« ist geplant. Ein Besuch der von Professor Stephan Pabst angebotenen Vorlesung zur Lagerliteratur (dienstags 12-14 Uhr) empfiehlt sich, ist aber keine zwingende Voraussetzung. Die regelmäßige Teilnahme, die Lektüre der Texte, die Übernahme eines kurzen Impulsreferats und die Anschaffung der Taschenbuchausgabe von Primo Levis »Ist das ein Mensch?« (dtv 11€) werden indessen vorausgesetzt.

Räuber und Sozialrebellen in der Literatur / PD. Dr. Peter Waldmann

Die große Epoche der berüchtigten Räuberbanden in Mitteleuropa fällt in die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese Räuberbanden der Neuzeit sind mit den legendären Namen ihrer Hauptmänner und Anführer verbunden, als da wären: Schinderhannes, Nickel List, Lips Tullian, Krummfingers-Balthasar oder Picard, der die gefürchtete Niederländische Bande führte und seine Raubzüge planmäßig organisierte. Mit dem 19. Jahrhundert kam das Bandenwesen, das eine eigene Sprache, das Rotwelsch, besaß, zu einem vorläufigen Ende. Mit der Entwicklung zum modernen Staat wurde auch der Polizeiapparat effizienter. Staatlichen Institutionen gelang es immer besser, auch abgelegene Territorien zu kontrollieren und zu überwachen. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Räuber, die es im klassischen Sinne nicht mehr gab, zu einem weitverbreiteten Sujet innerhalb der Literatur. Es war auch die Literatur, die aus Räubern bewunderte Sozialrebellen machte. Die Menschen, die in den stählernen Gehäusen der Rationalität moderner Staaten existierten, identifizierten sich als Leser von Literatur mit realen wie imaginären Räubern und Verbrechern, die fälschlicherweise als Sozialrebellen verstanden wurden. So wurde z.B. Robin Hood wie auch die Mafia mit all ihren Morden zum Mythos und Sinnbild eines befreiten Lebens.

In diesem Seminar werden folgende Autoren behandelt: Schiller, Goethe, Brüder Grimm, Kleist, E.T.A. Hoffmann, Puschkin, Karl May, Geoffrey Trease, Zuckmayer, Babel, Mario Puzo, Fritz Heymann, Michael Balin, Boris Sawinkow, Hobsbawn, Otfried Preußler, Agamben und Bernd Roeck.

Aus dem Innern der Unruhe. Psychologisches Erzählen in der Moderne / Dr. Robert Buch

Der Schauplatz modernen Erzählens, so könnte eine These lauten, ist das Bewusstsein – dieses so umfassende wie allgegenwärtige und doch so schwer beschreibbare Medium unseres Weltzugangs. Die Beschreibbarkeit von Bewusstsein war das große Thema der um die Jahrhundertwende entstehenden Phänomenologie. Mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen einer solchen Beschreibung beschäftigen sich etwa zur selben Zeit eine Reihe von Werken, die zu Klassikern der Moderne avancieren sollten. Ihr Interesse an der Darstellung von Bewusstseins- und Wahrnehmungsprozessen überschreitet und entgrenzt die Koordinaten romanhaften Erzählens. Radikaler wird diese Bewegung noch dadurch, dass die Literatur, anders als phänomenologische Beschreibungsversuche, mit dem Bewusstsein auch das Unbewusste in den Blick nimmt, das etwa zur gleichen Zeit von der neuen Wissenschaft der Psychoanalyse erkundet wird. Nicht zufällig bildet das Syndrom der inneren Unruhe den gemeinsamen Nenner einer Vielzahl von Romanen und Erzählungen, von denen wir eine kleine Auswahl in diesem Kurs lesen und diskutieren werden, darunter beispielsweise Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906), Marcel Prousts Eine Liebe von Swann (1913), Arthur Schnitzlers »Fräulein Else« (1924), Franz Kafkas »Der Bau« (1928), William Faulkners As I Lay Dying (1930) und Irmgard Keuns Das kunstseidene Mächen (1932).

Kriegsdarstellungen in der Literatur des 20. Jahrhunderts / Kevin Drews

Zur Literatur des 20. Jahrhunderts gehört unweigerlich die Auseinandersetzung mit dem Krieg und seiner literarischen Darstellbarkeit. Das Spektrum literarischer Bearbeitungen von Kriegserlebnissen (‚Fronterlebnis‘) reicht von eher konventionell gestalteten Berichterstattungen und Dokumentationen bis hin zu unterschiedlichen literarischen Experimenten, die den neuartigen Formen der Kriegsführung gerecht zu werden versuchen. Denn der Unterschied zu literarischen Kriegsdarstellungen aus früheren Jahrhunderten besteht sowohl in den neuen Kriegstechniken (‚industrialisierter Krieg‘, ‚Materialschlachten‘, ‚Massenmobilisierung‘) als auch in den veränderten medialen Aufzeichnungsmöglichkeiten, auf die auch die Literatur reagiert. Die Literatur ist mit veränderten Wahrnehmungsvoraussetzungen konfrontiert und wird dadurch zur Suche nach neuen Beschreibungs- und Darstellungsweisen herausgefordert. Mit dem Blick auf die literarische Verarbeitung insbesondere der beiden Weltkriege rückt vor allem die Frage in den Mittelpunkt, welche ästhetischen Strategien gewählt werden, um den Krieg darstellbar, erzählbar, erfahrbar und deutbar zu machen. Welche Motive, Bilder, Ausdrucksformen, Schreibverfahren werden hierzu eingesetzt? Diese Fragen sollen im Seminar anhand unterschiedlicher literarischer Kriegsdarstellungen aus dem 20. Jahrhundert diskutiert werden.Dabei widmet sich das Seminar den unterschiedlichen intellektuellen und literarischen Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges in verschiedenen Gattungen (Roman, Kriegslyrik, Reden, ‚Weltanschauungsessayistik‘). Außerdem beschäftigen wir uns auch mit Phänomenen wie Kriegspropaganda und Kriegskritik, Ästhetisierung von Gewalt, Emotionalisierungsstrategien und Affektpolitiken, Erinnerungsarbeit und Erfahrungsverarbeitung. Im Seminar werden Texte u.a. von Ernst Jünger, Edlef Köppen, Jaroslav Hašek, John Dos Passos, Alexander Kluge, Heiner Müller, Elfriede Jelinek gelesen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über die Spannbreite des literarischen Umgangs mit dem Krieg im 20. Jahrhundert zu verschaffen. Das Seminar setzt die Bereitschaft zur Lektüre unterschiedlicher literarischer Texte voraus. Für die einzelnen Sitzungen sollen Expertengruppen gebildet werden, die sich vertiefend mit dem jeweiligen Gegenstand auseinandersetzen, um so die Sitzungen moderieren zu können.

Literatur zur Einführung:

  • Thomas Anz/Joseph Vogl (Hg.): Die Dichter und der Krieg: Deutsche Lyrik 1914-1918. Stuttgart 2014.
  • Matthias Schöning: Versprengte Gemeinschaft. Kriegsroman und intellektuelle Mobilmachung in Deutschland 1914–33. Göttingen 2009.

Literarische Vergleiche digital modellieren / Dr. Jana Mende

Der digitale Vergleich zwischen verschiedenen Autor*innen, Texten, Literaturen, Sprachen, Motiven, Konzepten usw. ist das Kerngeschäft der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Wie dieser Vergleich dabei vonstattengeht, bleibt oft im Dunkeln - im Kopf der einzelnen Literaturwissenschaftlerin verborgen - sichtbar wird nur das Ergebnis der Analyse.

Digitale Methoden können Vergleiche von Texten und Korpora unterstützen und visualisieren. Dazu muss aber die Arbeit im Kopf - die Suche nach Kriterien und Kategorien, das Tertium Comparationis - explizit gemacht werden, damit sie in das Modell der digitalen Visualisierung aufgenommen werden kann. Aus diesen Schritten besteht die gemeinsame Arbeit im Seminar: Zunächst werden wir gemeinsam erarbeiten, was wir tun, wenn wir literarische Texte vergleichen. Ausgehend davon werden wir verschiedene Vergleichskategorien entwickeln, die wir mit digitalen Tools untersuchen können. Wir werden Einzeltexte und größere Textkorpora sowie andere Medien in Bezug auf verschiedene Kategorien wie Sprachgebrauch, Epochenzugehörigkeit, Themen und Gender vergleichen und diese Vergleiche digital modellieren (u.a. durch stilometrische Vergleiche, Topic Modeling und manuelle Textannotation). Als Fallbeispiele werden wir Werke der deutschen und englischen Literatur der Moderne verwenden, die komplexe Textvergleiche erlauben. Im Seminar erlernen wir den routinierten Umgang mit verschiedenen, anspruchsvollen digitalen Tools, Grundlagen und Theorie der vergleichenden Textanalyse und Visualisierung der Analyseergebnisse.

Vorkenntnisse: Es sind keine Vorkenntnisse zur Verwendung digitaler Methoden notwendig, eine generelle Bereitschaft zum Umgang mit digitalen Tools und Programmen wird vorausgesetzt, bitte bringen Sie einen Laptop mit und nehmen Sie regelmäßig und kontinuierlich an den Sitzungen teil (wenn Sie über kein passendes Gerät verfügen, wenden Sie sich bitte an mich).

Zum vorher Anklicken: Digitaler Textvergleich, ein Beispiel: Fortext: Konstellationen bei Goethe und Plenzdorf https://youtu.be/AZI87GOzNJQ    (zuletzt abgerufen am 23.02.2022).

Literatur: Sommers Weltliteratur to go: Orlando von Virginia Woolf: https://www.youtube.com/watch?v=GyQpjEifE_s    (zuletzt abgerufen am 23.02.2022).

Lektüre:  Primärliteratur (bitte bis zur 3. Einheit lesen): Virginia Woolf (1923). Orlando. A Biography, 1928: https://gutenberg.net.au/ebooks02/0200331.txt    (zuletzt abgerufen am 23.02.2022).

deutsche Übersetzung: Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. Aus dem Englischen übertragen von Karl Lerbs, 1929: https://www.projekt-gutenberg.org/woolf/orlando/orlando.html    (zuletzt abgerufen am 23.02.2022).

Sekundärliteratur (Auswahl):

Erlin, Matt; Piper, Andrew; Knox, Douglas; Pentecost, Stephen; Drouillard, Michaela; Powell, Brian; Townson, Cienna (2021): Cultural Capitals: Modeling Minor European Literature. In: Journal of Cultural Analytics 6 (1), S. 40-73. DOI: 10.22148/001c.21182.

Presner, Todd (2011): Comparative Literature in the Age of Digital Humanities: On Possible Futures for a Discipline. In: Ali Behdad und Dominic Thomas (Hg.): A Companion to Comparative Literature. Hoboken: John Wiley, S. 193–207.

Forschungskolloquium / Prof. Dr. Daniel Weidner

Das Forschungskolloquium dient der Vorbereitung und Begleitung der Masterarbeit: Die TeilnehmerInnen entwickeln ihre thematischen Interessen, ihre Fragestellung und die Konzeption ihrer Arbeit und stellen das jeweils zur Diskussion. Darüber hinaus dient das Kolloquium zur Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen der Forschung, die Auswahl richtet sich hier ebenfalls nach den Interessen der Teilnehmerinnen. Auch allgemeine Fragen zur Schreib- und Arbeitspraxis sowie zum wissenschaftlichen Selbstverständnis können hier diskutiert werden – in diesem Zusammenhang werden wir auch einige grundlegende Texte über Literaturwissenschaft lesen.

Wintersemester 2021-2022

Einführung in die Komparatistik / Prof. Dr. Daniel Weidner

Die Lehrveranstaltung führt in das Arbeitsgebiet der Komparatistik ein und erarbeitet die fachlichen Grundlagen, die für die eigenständige Arbeit entscheidend sind. Sie stellt wichtige Konzepte, Methoden und typische Fragestellungen vor, macht mit der Geschichte der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie mit den wichtigsten Richtungen des Fachs vertraut und gibt damit auch Anregungen, sich selbständig weiter mit dem Fach zu beschäftigen. Zugleich soll intensiv darüber reflektiert werden, was, wie und wonach man komparatistisch fragen kann bzw. welche komparatistischen Themen, für die man sich interessiert und mit denen man sich schon beschäftigt hat, Potential haben. Das Seminar richtet sich an Studierende im ersten Semester des Masterstudiums (diese sollten es unbedingt belegen), an fortgeschrittene Studierende der Komparatistik, die über ihr eigenes Fach nachdenken wollen und an Interessierte anderer Studiengänge, die wissen wollen, was Komparatistik ist.

Literatur: Rüdiger Zymner, Achim Höller (Hrsg.): Handbuch Komparatistik.Theorien, Arbeitsfelder, Wissenspraxis, Stuttgart 2013. Angelika Corbineau-Hoffman: Einführung in die Komparatistik, Berlin 2013.

Vorlesung:  Literatur im Streit. Kampf, Polemik und Politik in der
literarischen Öffentlicheit / Prof. Dr. Daniel Weidner

Literatur ist nicht immer eine friedliche Angelegenheit. An ihren Anfängen beschäftigt sie sich oft mit Kampf und Krieg; Satire und Polemik waren und sind wichtige literarische Schreibweisen; die Selbstverständigung darüber, was Literatur ist, kann und soll, findet oft in Kontroversen und „Literaturstreits“ statt. Die Vorlesung beschäftigt sich mit dem agonalen Moment der Literatur: mit der Art, wie Literatur Konflikte darstellt, selbst in Konflikten steht oder sie anzettelt – damit auch mit dem Politischen der Literatur, die gerade im Modus des Streits gesellschaftliche Normen und Werte verhandelt. Gerade heute, angesichts einer Krise demokratischer Öffentlichkeit im Zeichen von Bilderflut, fake news, Filterblasen und zunehmender Polarisierung, muss man über die Bedingungen und Formen öffentlicher Debatten und die Rolle der Literatur in diesen nachdenken. Diskutiert werden an exemplarischen Stationen der europäischen Literaturgeschichte u.a. wichtige Texte der klassischen und modernen Kriegsliteratur; Streitschrift, Satire und Karikatur; Theorie und Praxis von Polemik und Kulturkritik; Kontroversen über Sinn und Funktion von Literatur und den Zusammenhang von Literatur, Literaturkritik und Öffentlichkeit; Theorien des Konflikts, des Politischen und der symbolischen Gewalt.

Literatur zur Einführung: Jan Assmann, Dietrich Harth (Hg): Kultur und Konflikt, Frankfurt a.M. 1990. Dirk Rose: Polemische Moderne. Stationeneiner literarischen Kommuniaktionsform vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Göttingen 2020.

Postkoloniale Literatur / Dr. Claudia Hein

»[F]or the problem of the Twentieth Century is the problem of the color-line«, mit dieser weitsichtigen Diagnose beginnt der amerikanische Soziologe W.E.B. Du Bois seine 1903 erschienen Studie »The Souls of Black Folk«, die zu einem wichtigen Referenztext der späteren postcolonial studies werden sollte. Was heißt ›postkolonial‹, was ist postkoloniale Literatur und was macht diese zu einer so entscheidenden Stimme, dass sie als ›die‹ Weltliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts angesehen werden kann?

Kolonialismus ist eine der großen Hypotheken der Gegenwart. Seine konkreten Folgen sind die uns bedrängenden Probleme und Herausforderungen wie Migration, Rassismus, Multikulturalismus, aber auch Fragen nach dem Status westlicher Kultur und von Kultur überhaupt. Der Kolonialismus war nicht allein ein militärisches und wirtschaftliches Unternehmen, seine Folgen sind nicht nur historisch, politisch, sozial und ökonomisch, sondern auch kulturell und mental; er hatte (und hat) eine symbolische Dimension, die die westlichen Vorstellungen des ›Anderen‹ bis heute prägt. Postkoloniale Literatur ist eine Auseinandersetzung mit diesen Hypotheken. Auf die hegemonialen, hierarchisierenden und stereotypisierenden Effekte des kolonialistischen Diskurses antwortet postkoloniale Literatur mit Strategien der Ambiguisierung, der Subversion und der Kontrafaktur, um nur einige zu nennen.

Über den Fokus der Ambivalenz wollen wir uns im Seminar mit postkolonialen literarischen Texten in ihrer historischen und kulturellen Diversität und Bandbreite beschäftigen, wobei der Schwerpunkt auf dem späteren 20. Jahrhundert liegen wird. Lesen werden wir Joseph Conrads »Heart of Darkness«, Nadine Gordimers »July’s People«, Toni Morrisons »Beloved«, Michelle Cliffs »A Woman Who Plays Trumpet Is Deported«, Isabela Figueiredos »Caderno de Memórias Coloniais« [Roter Staub]. Wir werden uns zudem Konzepten postkolonialer Theorien zuwenden, die Dichotomien und ambige Zwischenräume ins Zentrum stellen (W.E.B. Du Bois’ ›double consciousness‹, Edward Saids ›orientalism‹, Gayatri Spivaks ›can the subaltern speak‹, Homi Bhabhas ›third space‹, Paul Gilroys ›black atlantic‹).

Methoden digitaler Literaturwissenschaft: Einführung und Experimente / Dr. Jana Mende

Digitale Textbearbeitung, -erstellung und -analysen gehören zum (literatur-)wissenschaftlichen Alltag. Die digitalen Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit allen Formen digitaler Forschung in unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Archäologie, Geschichtswissenschaften, Computerlinguistik oder Einzelphilologien. Auch die Literaturwissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten ihr Repertoire um digitale oder digital unterstützte Methoden erweitert.

In diesem Seminar werden wir uns zunächst ansehen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zwischen digitalen und nicht-digitalen literaturwissenschaftlichen Methoden gibt. Wir beginnen mit Grundbegriffen der Literaturwissenschaft wie Text, Literatur, Edition und schauen uns an, wie sie sich in einem digitalen Kontext verändern. Fragen dazu sind: Wie unterscheiden sich digitale Texte von gedruckten Texten, welche zusätzlichen Informationen haben Texte in den verschiedenen Formaten, wie funktioniert die digitale Aufbereitung von Texten? Dabei werden wir uns auch einführend mit Dateiformaten und Mark-Up-Sprachen beschäftigen.

Im zweiten Teil analysieren wir gemeinsam literarische Texte mit digitalen Mitteln. Hier fragen wir uns, welchen Mehrwert die digitalen Methoden für literaturwissenschaftliche Fragestellungen haben können. Dazu lernen wir Werkzeuge zur digitalen Textanalyse kennen und experimentieren an unterschiedlichen Textgattungen (Roman, Drama, Erzählung). In diesen Experimenten probieren wir z.B. aus, wie wir die Erzählperspektiven und Figurenkonstellationen analysieren und visualisieren können (z.B. mit dem Programm CATMA oder atlas.ti). Wir erproben unterschiedliche digitale Werkzeuge, analysieren Texte mittels Annotation und vergleichen die Ergebnisse. Schließlich reflektieren wir gemeinsam über den Einsatz dieser Werkzeuge.

"Aufrecht und mit wenig Ausstrahlung". Geschlechterverhältnisse in der Israelischen Literatur / Dr. Tom Kellner

In diesem Seminar werden wir die Darstellung von Geschlecht und Geschlechterrollen in ausgewählten Werken israelischer Prosa, in deutscher Übersetzung, untersuchen. Durch textnahe und vergleichende Lektüren verschiedener literarischer Werke werden wir die Art und Weise diskutieren, in der Geschlecht, Sex und Sexualität die Erzählungen prägen und unsere eigenen Lesarten und Interpretationen beeinflussen. In unserer Untersuchung von Geschlechterdarstellungen in der israelischen Literatur werden wir Werke von Autoren wie Samuel Joseph Agnon, Zeruya Shalev, Amos Oz, Orly Castel-Bloom, Michal Zamir und Dorit Rabinyan lesen.

Unsere Lektüre israelischer Prosa in Hinblick auf Geschlecht und Geschlechterrollen wird auf eine Vielzahl kritischer feministischer Theorien und feministischer Auseinandersetzungen mit Literatur und Lektüre zurückgreifen. Dabei soll ein besonderer Schwerpunkt auf dem amerikanischen Second-Wave-Feminismus liegen, der die feministischen Bewegungen und Diskurse in Israel ab den 1970er Jahren stark beeinflusst hat.

Für eine einführende Lektüre über den Feminismus der zweiten Welle und feministisches Lesen: Audre Lorde, “The Master's Tools Will Never Dismantle the Master's House" [Die Werkzeuge des Herrn werden niemals das Haus des Herrn niederreißen], in Sister Outsider: Essays and Speeches, pp. 110- 114, California: Crossing Press, 1984; Sandra M. Gilbert and Susan Gubar, “The Queen’s Looking Glass: Female Creativity, Male Images of Women, and the Metaphor of Literary Paternity”, in: The Madwoman in the Attic: The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination, pp. 3-44, New Haven: Yale University Press, 1984.

Das Seminar wird auf Englisch abgehalten, für eine Modulleistung ist eine studentische Präsentation (10-20 Min.) sowie eine Hausarbeit erforderlich.

Identität im Gegenwartsroman / Neela Janssen

„Identitätskämpfe sind Kämpfe um Fiktionen in der Wirklichkeit“, bemerkt Mithu Sanyal im Nachwort ihres 2021 erschienenen Romandebüts Identitti und weist damit auf die regen gesellschaftlichen Debatten hin, die seit einiger Zeit um Fragen von Zugehörigkeit, Selbstbestimmung, (gesellschaftlicher) Inklusion und Exklusion und der sie strukturierenden Machtverhältnisse kreisen.
Im Seminar wollen wir uns diesen Fragen nähern, indem wir zeitgenössische fiktionale Texte dazu befragen, wie Identität in ihnen erzählt und imaginiert wird: Welche Narrative von Zugehörigkeit werden aufgerufen und in welcher Beziehung stehen sie zu Kategorien wie race/class/gender? Wie werden über literarische Figuren Identitäten entworfen und/oder in Frage gestellt? Und in welches Verhältnis lassen sich diese (Erzähl-)Figuren zu ihren Autor:innen setzen?
Ausgehend von Sanyals Identitti werden wir uns im Verlauf des Semesters mit drei bis vier weiteren Romanen beschäftigen, die in den letzten Jahren erschienen sind und sich explizit oder implizit mit den aufgeworfenen Fragen literarisch auseinandersetzen. In den ersten Sitzungen gilt es gemeinsam Perspektiven zu entwickeln, unter denen die einzelnen Romane diskutiert werden können. Die Auswahl der konkreten Titel, mit denen wir uns jeweils über mehrere Wochen auseinandersetzen werden, wird im Verlauf der nächsten Wochen bekannt gegeben. Die Bereitschaft zur gründlichen Lektüre der Romane sowie punktueller Sekundärtexte wird vorausgesetzt, ebenso wie die Bereitschaft, sich aktiv an den Seminardiskussionen zu beteiligen.

Erinnerungskonflikte zwischen Juden und Nicht-Juden in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 / Marcel Matthies

In der deutschsprachigen Literatur nach 1945 verdichtet sich der Verlust übergeordneter Sinnzusammenhänge wie unter einem Brennglas. Wie lässt sich über das anonyme Sterben erzählen? Welcher Sprache bedient sich die literarische Darstellung des Massenmords? Wie wird der allgegenwärtige Tod literarisch verarbeitet? „Wo bleibt in der Gaskammer oder im Luftschutzraum noch Raum für die erhabene Gestalt im schwarzen Mantel?“ (H.E. Nossack) Was wird in den zu behandelnden Texten wie und warum erinnert? Diese und andere Fragen wollen wir im Seminar möglichst dicht am jeweiligen Text diskutieren.

Zudem setzt sich die mit den Nürnberger Gesetzen eingeleitete Trennung von Juden und Nicht-Juden auch im Schreiben in der Nachkriegszeit fort. Ursächlich für die auffällige Diskrepanz im Umgang mit der Erinnerung an die Geschehnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist der Kampf um die Frage, welche Bedeutung der einst zum Selbstzweck gewordene Massenmord im öffentlichen Bewusstsein nach 1945 einnehmen würde. Während Vertreter der Kahlschlagliteratur das Leid meist noch unterschiedslos verallgemeinern, lösen der Jerusalemer Eichmann-Prozess und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in den 1960er Jahren auch im Medium der Literatur einen paradigmatischen Bewusstseinswandel aus. Aufgrund von Auschwitz wird deutschsprachige Literatur wieder zum Artikulations- und Reflexionsort jüdischer Erfahrungen. Juden und Nicht-Juden bleiben in Deutschland und Österreich zwar in ihrem jeweiligen Selbstverständnis wegen der Geschichte unwiderruflich voneinander getrennt, jedoch sind sie trotz dieser gegenläufigen Gedächtnisformationen zugleich direkt aufeinander bezogen. In welcher Weise die „negative Symbiose“ (D. Diner) von Deutschen und Juden sowie deren „Erinnerungsdifferenz“ (S. Braese) in literarischen Texten thematisiert und gestaltet ist, steht als Schlüsselfrage im Zentrum der Veranstaltung.

Zur ersten Sitzung ist die im Jahr 2006 in der Zeitung Die Welt veröffentlichte Rede „Dresden ’45 – Tod ist nicht gleich Tod“ von Dan Diner zu lesen.

Romantik und Mehrsprachigkeit: Komparatistische Perspektiven / Dr. Jana Mende

Die Romantik gilt als Zeit des Nationalismus in der Kultur, Literatur und Sprache. Einsprachigkeit als gemeinsame Klammer der Kulturnation, der deutschen Nationalliteratur und deutschen Nationalsprache ist der Standard. Im deutschsprachigen Raum und noch deutlicher in Europa wurde zwar dieses einsprachige Ideal angestrebt, allerdings sah der sprachliche und literarische Alltag vieler Autor*innen anders aus: Mehrsprachigkeit war häufig ein notwendiger und normaler Teil des täglichen Lebens und des literarischen Schaffensprozesses.

Die einzelphilologische Forschung in Germanistik, Romanistik oder Slawistik beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den einzelsprachlichen romantischen Strömungen. Ein komparatistischer Ansatz der Romantikforschung geht den mehrsprachigen Konstellationen innerhalb europäischen Romantiken nach. Diese mehrsprachige Perspektive auf die Romantik jenseits nationalphilologischer Zuschreibungen wollen wir im Seminar einnehmen. Mehrsprachigkeit entstand durch unterschiedliche Sprachen in der Familie oder in der Umgebung (z.B. in mehrsprachigen Städten), Migration in einen anderen Sprachraum oder durch den bewussten Erwerb von Sprachkenntnissen. Diese elitäre Form der Mehrsprachigkeit mit den Bildungssprachen Latein, Griechisch, eventuell noch Französisch ist typisch für den Großteil romantischer Autoren. Im Seminar werden wir zunächst rekonstruieren, in welchen Zusammenhängen Mehrsprachigkeit in der Romantik vorhanden ist. Dabei werden wir uns anhand von Beispielen drei Formen von Mehrsprachigkeit ansehen: wir betrachten individuelle Fälle mehrsprachiger Autor*innen (z.B. Rahel Varnhagen mit Deutsch, Jiddisch, Hebräisch und Französisch), soziale Formen der Mehrsprachigkeit durch Migration (z.B. Heinrich Heine in Frankreich) und textuelle Formen der Mehrsprachigkeit (z.B. die Shakespeare-Übersetzungen von Ludwig Tieck, A.W. Schlegel, Dorothea Tieck und Wolf Heinrich von Baudissin).

Wort und Bild. Literatur und Kunst, ein intermedialer Vergleich / PD Dr. Peter Waldmann

Ganz der Thematik des Pictorial Turn innerhalb der Geisteswissenschaften verpflichtet, möchte ich die Ankündigung zu diesem Seminar mit der Beschreibung eines Bildes der klassischen Moderne beginnen lassen: Der Surrealist Réne Magritte komponierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Gemälde, das nach wie vor als aussagekräftiges Symbol für unsere Lebenserfahrung gelten kann. Magritte entführt uns in einen unwirklichen, surrealen Raum, dessen Wände ganz aus Bildern konstruiert wurde. Der Mensch ist also in der Sicht des Surrealisten in einer neuartigen, ganz aus Bildern bestehende, platonische Höhle gefangen, die keine Öffnungen mehr zu besitzen scheint. Der Blick nach Außen auf eine vermeintliche Wirklichkeit ist durch Bilder verstellt und versperrt. Bilder schieben sich zwischen Menschen und die Realität. Zwar hat Magritte im Vordergrund eine schwere Haubitze aufgestellt, die die revolutionäre Hoffnung ausdrücken soll, dass eines Tages die Mauern der Ideologien gesprengt werden; doch diese revolutionäre Hoffnung scheint gegenwärtig trügerischer zu sein als je zuvor. Die Menschen leben heute, im Gegensatz zu allen vergangenen Zeiten, länger vor den Bildschirmen der Massenkommunikationsmittel als in der realen, analogen Welt. Dem Ansturm der Bilder hält also nichts mehr stand. Die Tatsache dieser Dominanz der postmodernen Bilderwelten macht verständlich, warum sich die ganze Palette der Kulturwissenschaften mit dem Phänomen des Bildes und seiner Rolle beschäftigen und der Pictorial turn in den Geisteswissenschaften notwendig eingeleitet wurde. Im Sinne des Pictorial Turn behandelt dieses Seminar, wie das Bild in der Literatur erscheint und diskutiert wird.

Das Seminar stützt sich auf folgende Autoren: Hans Jonas, Aby Warburg, Erwin Panofsky, Martin Heidegger, Roland Barthes, Vilem Flusser, John Berger, Max Imdahl, Bruno Latour, W.J.T. Mitchell, Johann August Apel, Honoré de Balzac, Prosper Mérimée, Herman Melville, Georges Rodenbach, Oscar Wilde, Andre Breton, Ernst Jünger, Rolf Dieter Brinkmann, W.G. Sebald und Michel Houellebecq.

Zu Vorbereitung auf das Seminar empfehle ich den kanonischen Text: W.J.T. Mitchell: Was ist ein Bild? In: V. Bohn (Hg.): Bildlichkeit. Internationale Beiträge zur Poetik. Frankfurt a. M. 1990: edition suhrkamp.

Rhetorik, Poetik, Ästhetik / Dr. Robert Buch

Der Kurs dient der Einführung in die Grundlagen des literaturwissenschaftlichen Studiums anhand von drei diskursiven Traditionen – Rhetorik, Poetik und Ästhetik –, denen die moderne Literaturwissenschaft und die Theorie der Literatur viele ihrer zentralen Begriffe und Fragen verdanken. So stellt die Poetik des Aristoteles ohne Zweifel das nachhaltigste Paradigma für das Nachdenken über Literatur und das Verständnis literarischer Werke dar. Die antike Rhetorik lehrte die Voraussetzungen für wirkungsvolles Reden und bildete über einen langen Zeitraum, bevor sich Wissen in die modernen Wissenschaften ausdifferenzierte, das Kernstück literarischer Bildung und kommunikativer Kompetenz. Die Ästhetik wandte sich im 18. Jahrhundert als eine der neuen Wissenschaften der Erkenntnis sinnlicher Wahrnehmung und im Besonderen der Frage nach dem Schönen und nach dem ästhetischen Urteil zu.

Wir lesen einige Schlüsseltexte, denen Studierende im Lauf ihres Studiums immer wieder begegnen werden und deren Kenntnis deshalb von unerlässlichem Wert für dieses Studium ist. Zum Programm zählen: die Poetik des Aristoteles, Kritik und Verteidigung der Rhetorik (Plato, Quintilian, Pseudo-Longinus) sowie ausgewählte Beispiele klassischer Redekunst (Gorgias, Thukydides/Perikles, Cicero) und Auszüge aus den Ästhetiken des 18. Jahrhunderts (Baumgarten, Kant, Schiller).

Karl Philipp Moritz / Prof. Dr. Daniel Weidner

Karl Philipp Moritz galt lange als Außenseiter der deutschen Literaturgeschichte und ist bis heute schwer einzuordnen: Romancier und Autobiograph, Philosoph und Autodidakt, ein früher Realist sozialer Unterschichten, aber auch wichtiger Theoretiker einer „zweckfreien“ Kunst, zwischen Spätaufklärung, Empfindsamkeit und Klassik. Das Seminar will die verschiedenen Aspekte von Moritz' Schreiben und Werk in ihrem jeweiligen Kontext behandeln: die biographische Herkunft aus dem Pietismus und die Übertragung pietistischer Praktiken und Konzepte auf Kunst und Philosophie; die beiden sehr heterogenen Romane Anton Reiser und Andreas Hartknopf im Zusammenhang der Entwicklung von Romanform und Autobiographie; die kunstästhetischen Texte vor dem Hintergrund der philosophischen Ästhetik der Aufklärung und der Ästhetik der Kunstperiode; die pädagogischen und populärphilosophischen Texte und insbesondere das Zeitschriftenprojekt Magazin zur Erfahrungsseelenkunde im Kontext der Anthropologie und des Zeitschriftenwesens des späten 18. Jahrhunderts; die Reisebeschreibungen und die mythologischen Texte im Vergleich mit verwandten zeitgenössischen Unternehmungen; eventuell die Wirkungsgeschichte (Jean Paul, Arno Schmidt) und wichtige literaturhistorischen Beziehungen (Herder, Goethe). TeilnehmerInnensollten sich in einen dieser Aspekte vertiefend einarbeiten und bei Vorbereitung und Moderation (Impulsreferat) der Sitzungen mitwirken; das Seminar wird vor allem aus gemeinsamer Textdiskussion bestehen.

Literatur Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf. Andreas HartknopfsPredigerjahre, ders.. Anton Reiser, ders: Schriften zur Ästehtik (alleReclam)

Zur Einführung: Albert Meier: Karl Philipp Moritz, Stuttgart 2000; Robert Minder: Glaube, Skepsis und Rationalismus. Dargestellt aufgrund der autobiographischen Schriften von Karl Philipp Moritz, Frankfurt a.M.1974.

Redaktion, Lektorat – Publizieren / Dr. Claudia Hein

Das Seminar beschäftigt sich mit der Produktionsseite des literaturwissenschaftlichen Arbeitens und legt dabei den Fokus auf Fachzeitschriften als Publikationsorgane. Es gilt zunächst Einblick zu gewinnen in die oft verdeckt ablaufenden Prozesse des wissenschaftlichen Publizierens: Wie verläuft der Weg eines Textes vom Schreibtisch der Autor:innen bis hin zur Veröffentlichung? Wie sind wissenschaftliche Zeitschriften organisiert, wie finden Texte zu diesen, wer wählt aus, wie wird begutachtet, wer redigiert? Und was heißt das genau, Redaktionsarbeit?

In einem zweiten Schritt wollen wir der Frage nachgehen, was gute wissenschaftliche Texte eigentlich ausmacht und wie Texte im professionellen Lesen – also Lektorieren – strukturell wie stilistisch überarbeitet und inhaltlich geschärft werden können. Wissenschaftliches Schreiben ist eben auch ein Handwerk, für dessen Beherrschung es der richtigen ›Werkzeuge‹ bedarf – Werkzeuge, die nicht nur für eine potentielle Tätigkeit als Lektor:in oder Redakteur:in, sondern gleichermaßen für das Verfassen eigener Texte entscheidend sind.

Wir werden im Seminar anwendungsorientiert vorgehen: Die Teilnehmenden sollen sowohl als Lektor:innen wie auch als lektorierte Autor:innen tätig werden. In der gemeinsamen und wechselseitigen Lektüre von eigenen Texten gilt es zu erproben, wie sich ein Zeitschriftenheft erarbeiten und publikationsreif zusammenstellen lässt.

Der psychologische Roman: Anfänge und Entwicklung / Dr. Robert Buch

Der moderne Roman wird oft als Reaktion auf den Erfolg realistischen Erzählens im 19. Jahrhundert begriffen, dessen Regeln und Grundsätze er aufkündigt. Der Roman des 19. Jahrhunderts zeichnet sich indes nicht allein dadurch aus, dass er sich sozialen Lebenswelten zuwendet, für die es bis dahin keinen Platz im System der literarischen Gattungen gab. In zentralen Werken der Epoche rücken die subjektive Verfasstheit der Figuren und ihre Beziehungen in den Vordergrund, wogegen die historischen und sozialen Bedingungen des Geschehens an Bedeutung verlieren. Lassen sich die hier interessierenden ›psychologischen‹ Romane, im Englischen auch oft als novels of manners bezeichnet, nur noch bedingt dem Paradigma realistischen Erzählens zuordnen, so unterscheiden sie sich in ihrer ›Psychologie‹ zugleich deutlich von der emphatischen Innerlichkeit romantischer Subjektivität. Gefühle, Affekte, Begierden werden selten introspektiv behandelt, sondern eher dialogisch und über Konstellationen in den Blick genommen. Anders gesagt interessiert sich der Kurs dafür, wie aus der novel of manners der moderne psychologische Roman hervorgeht, in dem schließlich Bewusstsein selbst zum primären Schauplatz und Gegenstand des Erzählens wird. Zu den Autoren, die wir behandeln wollen, zählen Goethe, Jane Austen, Stendhal, Henry James und Robert Musil. Ein Nachfolgekurs wird sich ›Bewusstsein und Erzählen‹ im Roman des 20. Jahrhunderts widmen.

Forschungskolloquium / Prof. Dr. Daniel Weidner

Das Forschungskolloquium dient der Vorbereitung und Begleitung der Masterarbeit: Die TeilnehmerInnen entwickeln ihre thematischen Interessen, ihre Fragestellung und die Konzeption ihrer Arbeit und stellen das jeweils zur Diskussion. Darüber hinaus dient das Kolloquium zur Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen der Forschung, die Auswahl richtet sich hier ebenfalls nach den Interessen der Teilnehmerinnen. Auch allgemeine Fragen zur Schreib- und Arbeitspraxis sowie zum wissenschaftlichen Selbstverständnis können hier diskutiert werden – in diesem Zusammenhang werden wir auch einige grundlegende Texte über Literaturwissenschaft lesen.

Sommersemester 2021

Einführung in Positionen der Literaturtheorie / Claudia Hein

»Theorie kann man […] hassen oder auch fürchten. Doch nichts davon erweist sich als recht hilfreich« (J. Culler). Eine Skepsis gegenüber Theorie geht meist mit dem Übersehen eigener begrifflicher Selbstverständlichkeiten einher. Denn Theorie ist nichts Elitäres, ganz im Gegenteil: jedes Lesen basiert auf theoretischen Grundannahmen, seien diese unbewusst oder reflektiert.Das Seminar nimmt sich zum Ziel, in der gemeinsamen Lektüre wegweisende Positionen der Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts kennenzulernen, in ihrer Relevanz herauszuarbeiten und dabei wirklich verständlich und handhabbar zu machen. Die Auseinandersetzung mit Theorie soll jeder und jedem die Möglichkeit geben, den eigenen Umgang mit Text (wie Welt) zu erweitern und neue Perspektiven zu eröffnen.Lesen und diskutieren wollen wir Grundlagentexte des russischen Formalismus, der Hermeneutik, des Strukturalismus, Poststrukturalismus, Feminismus, der Psychoanalyse sowie postkolonialer Theorie.Zur Vorbereitung empfohlen: Stöbern und Lesen in Lexika (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe, hg. von Ansgar Nünning, Stuttgart 2013) und Einführungswerken (Terry Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 2012).

Vorlesung: Tradition, Einfluss, Intertextualität. Modellierungen der Text-Text-Beziehung / Daniel Weidner

Literarische Texte stehen nicht für sich allein, sondern beziehen sich auf andere Texte. Diese Beziehung hat historisch verschiedene Formen angenommen und ist auch verschieden modelliert worden. Lange wurden einzelne Texte als Teil einer „Tradition“ betrachtet, aus der sich ihre Bedeutung speist; später sprach man von der der „Nachahmung“ anderer Texte oder vom „Einfluss“ einzelner Autoren auf andere. Im zwanzigsten Jahrhundert werden Theorien des „Intertextualität“ entwickelt, um einerseits eine besondere Poetik der Avantgarde und andererseits eine grundsätzliche Eigenschaft von literarischen Texten zu beschreiben. Gerade in diesem letzten Sinn ist Intertextualität zu einem wichtigen Stichwort geworden, von dem aus sich auch dekonstruktivistische Literaturtheorien, Fragen der Intermedialität und postkoloniales „writing back“ verstehen lassen.
Die Vorlesung gibt eine Einführung in das weite Feld der Text-Text Beziehungen und ihre Theoretisierung. Sie entwickelt die jeweiligen kulturellen Kontexte – etwa den religiösen Hintergrund des Traditionsbegriffes oder die genealogischen Implikationen der Vorstellung von „Einfluss“ bzw. „Nachahmung“ –  und betont die allgemeinen semiotischen, text- und literaturtheoretischen Implikationen der jeweiligen Theorien. An konkreten Beispielen aus der europäischen Literatur diskutiert sie Phänomene wie Zitat, Anspielung, Kontrafatkur, Imitation, Parodie, Übersetzung und Palimpsest und stellt die wichtigsten Theoretiker vor, u.a. Harold Bloom, Michail Bachtin, Julia Kristeva, Michael Riffaterre, Gérard Genette, Renate Lachmann.
Zur Einführung: Frauke Berndt/Lily Tonger-Erk: Intertextualität. Eine Einführung. Erich Schmidt Verlag 2013.

Aphorismus, Kalendergeschichte, Feuilleton. Reprisen der kleinen Form in der Moderne / Robert Buch

Der Kurs befasst sich mit der Tradition der kleinen Form und ihrer Wiederkehr in der Moderne. Unter den Sammelbegriff Kleine Formen fallen eine Vielzahl ähnlicher und doch heterogener Texte so beispielsweise die Prosaminiaturen Franz Kafkas und Robert Walsers, die Städtebilder Walter Benjamins und Siegfried Kracauers, Bertolt Brechts Kalendergeschichten, Theodor W. Adornos Denkbilder wie später die ironische Kurzprosa eines Thomas Bernhard, Ror Wolf oder Reinhard Lettau. Bei aller Unterschiedlichkeit hatten die vormodernen und frühneuzeitlichen Vorläufer der Kleinen Form wie Maxime, Aphorismus, Kalendergeschichte, Tableau und Feuilleton eine lebensweltliche, orientierende Funktion. Ein Teil dieser Vorläufer verweist zurück auf die Tradition der moralistischen Weisheitsliteratur (La Rochefoucauld, Gracián, Montaigne), die Ratschläge und lebenspraktische Anweisungen erteilt, der andere ist Ausdruck und Reaktion auf die neue Wirklichkeit der Stadt, inklusive der neuen Medien, die für viele der hier interessierenden Formate die Voraussetzung bildeten (Louis-Sébastien Mercier, Charles Baudelaire, Heinrich Heine). Der Kurs fragt, wie die Kleinen Formen ›funktionieren‹ und interessiert sich insbesondere für ihren Status zwischen der vormaligen lebenspraktischen und didaktischen Orientierung und ihrer spielerischen und experimentellen Reprise in der Moderne.

Jazz-Literatur. Inter- und transmediale Perspektiven / Claudia Hein

Jazz ist eine genuin kulturelle Schöpfung Nordamerikas, eine synkretistische Leistung, die zugleich mehr als 300 Jahre Sklaverei und Rassismus in sich trägt. Jazz war schon immer mehr als Musik, er gibt den 1920er und 30er Jahren den Namen (Jazz Age), ist way of life, aber auch Ausdruck tiefer Melancholie und Trauer, er bedeutet Aufbegehren, beständiges Überschreiten von Grenzen und ist Paradebeispiel künstlerischer Freiheit – »Improvisation is the heart and soul of jazz« (G. Schuller).Wir wollen uns im Seminar diesem kulturellen Konglomerat widmen und fragen, wie Musik das Medium wechseln und auf welche Art und Weise sich Jazz in schriftlich fixierter Form äußern kann. Sind Texte in der Lage zu improvisieren, können sie black and blue sein und wie lässt sich ihr ganz besonderer sound fassen? Jazz kann diskursiv verhandelt werden, er kann Thema und Motiv sein sowie als Strukturprinzip, Stil und Schreibweise von Prosa oder Lyrik fungieren. Es wird im Seminar um Fragen der Inter- und Transmedialität gehen (telling, showing), um Gattungsfragen vor dem Hintergrund der Überkreuzung von faktualem und fiktionalem Erzählen (Jazz-Biographien) und um kulturelle Aneignungsprozesse (Kreolisierung).In unseren Lektüren wollen wir dem Jazz ausgehend von zentralen Werken der black literature (James Baldwin, Ralph Ellison, Toni Morrison) in die Literaturen der Welt folgen (César Aira, Julio Cortázar, Günter Grass, Yoram Kaniuk, Jean-Paul Sartre, Michael Ondaatje, Boris Vian); lesen wollen wir aber ebenso (auto-)biographische Schriften über und von Jazzmusikern (Jean Améry, Louis Armstrong, Miles Davis, Billie Holliday) und publizistische Texte, die sich dem Jazz kreativ nähern und dabei eine literarische Sprache suchen. Zur Vorbereitung: Hören Sie Jazz! Lesen Sie sich ein in die Welt des Jazz (Geoff Dyer: But Beautiful. Ein Buch über Jazz, Frankfurt/Main 2003) und der Jazz-Literatur (Black and Blue. Literatur aus dem Jazz-Zeitalter, hg. von Hans Christoph Buch, Frankfurt/Main 1995).

Geschichten vom Selbst. Individualität erzählen in der Gegenwartsliteratur / Daniel Weidner

Der Roman gilt als Gattung des modernen Individuums: In ihm kommt das moderne „Selbst“ in seiner Tiefe und Breite zum Ausdruck, ein „Leben“ wird erzählt, das Besondere einer „Person“ dargestellt – literarische Form und unsere Vorstellungen von Selbstheit hängen hier offensichtlich eng zusammen. Was passiert mit diesem Zusammenhang im Zeichen sich beschleunigender Individualisierungsprozesse der Gegenwart? Wie lässt sich die spät- oder postmoderne Individualität erzählen? Und wie gehen moderne Roman mit diesen Vorgaben um? Wie verändert sich die Gattung und was können wir aus ihr über die Gegenwart und uns selbst lernen? Das Seminar diskutiert diese Fragen an drei Romanen der internationalen Gegenwartsliteratur: Richard Fords Independence Day (1995), Annie Ernaux’ Les Années (2008) und Karl Ove Knausgårds Sterben (2009).
Das Seminar beschäftigt sich mit den Romanen und ihren verschiedenen Schreibweisen, mit den Poetiken der AutorInnen und den kulturellen Hintergründen und literarischen Traditionen in denen sie stehen: etwa die american novel bei Ford, das life-writing und das weibliche Schreiben bei Ernaux sowie die Autofiktion bei Knausgård. Als Hintergrund werden wir auch einen Blick auf Konzeptionen der Individualisierung (Robert Bellah, Pierre Bourdieu, Andreas Reckwitz) werfen. Der Schwerpunkt besteht in (von Kleingruppen vorbereiteter) gemeinsamer Textarbeit an Ausschnitten der jeweiligen Romane, die wahlweise auf Englisch und Französisch oder in deutscher Übersetzung gelesen werden.

Israel in der hebräischen Gegenwartsliteratur / Tom Kellner

Seit Anfang der neunziger Jahre gehört die moderne hebräische Literatur zu den am stärksten in Deutschland vertretenen Literaturen. In diesem Kurs werden wir deutsche Übersetzungen von israelischer Gegenwartsliteratur lesen und an Texten von Autor*innen wie Amos Oz, Yoram Kaniuk, Orly Castel-Bloom, Sayed Kashua, Tomer Gardi und Zeruya Shalev diskutieren, wie dort jeweils das "Israelische" dargestellt und ins Deutsche übersetzt wird. Wir diskutieren Fragen der Übersetzung und der kulturellen Differenz im Rahmen der Theorie der Weltliteratur, die in der Auseinandersetzung mit der sich zunehmend globalisierenden Literatur der Gegenwart eine große Rolle spielt. Laut Kritiker*innen wie beispielsweise David Damrosch ist Weltliteratur dabei jene Literatur, die über ihre Ausgangssprache und -nationalität hinausgeht, Grenzen transzendiert und universell anerkannt wird. Andere haben das Konzept auf Grund der Unübersetzbarkeit von Texten aus verschiedenen Sprachen und Kulturen kritisiert oder gänzlich abgelehnt, wieder andere kritisieren den »linguistischen Imperialismus« der englischsprachigen Weltliteratur oder lehnen den »triumphalistischen Diskurses der Globalisierung« ab. Die Beschäftigung mit der Weltliteratur im Seminar wird sich daher auch mit anderen Fragen wie Postkolonialismus, Feminismus, Identitätspolitik etc. beschäftigen.

Literatur und Religion in der Aufklärung / Daniel Weidner

In der jüngeren Forschung zur Aufklärung wird das Verhältnis zur Religion neu verstanden. Aufklärung fällt nicht mehr mit der Religionskritik zusammen, sondern umfasst ein breites Spektrum bis zur religiösen Aufklärungen; auch antireligiöse Polemiken greifen oft auf Motive und Verfahren innerreligiöser Auseinandersetzungen zurück; in zentralen aufklärerischen Ideen wie „Tugend“, „Fortschritt“, „Autonomie“ und insbesondere in der Konzeption von „Religion“ wirken religiöse Konzeptionen und Vorstellungen nach. Das ist gerade für die Literatur des 18. Jahrhunderts wichtig, die sich ohne diesen Kontext nicht verstehen lässt und vielfältige und kreative Formen des Umgangs mit ihm entwickelt.
Das Seminar gibt einen Überblick über die verschiedenen Diskurspositionen - Pietismus, Deismus, Neologie, Atheismus etc. –  und verschiedenen Gattungen des Literatursystems im 18. Jahrhundert: Predigt, Lehrgedicht, geistliche Lyrik, „Heilige Poesie“, geistliche Autobiographie, Satire, Parodie, Dialog, und Apologetik sind oft durch religiöse Funktionen und Traditionen bestimmt, zeigen aber auch die Transformation bzw. Kritik der Religion. Die Leserevolution und die Herausbildung empfindsamer Lektürepraktiken lässt sich ebenso innerhalb desreligiösen Kontextes verstehen wie die Ende des Jahrhunderts entstehenden Projekte der Kunstästhetik, neuen Mythologie oder Kunstreligion. Das Seminar beschäftigt sich v.a. mit deutschsprachige Literatur (u.a. Brockes, Klopstock, Lessing, Nicolai, Mendelssohn, ,Herder, Moritz)  berücksichtigt aber auch französische (Voltaire, Rousseau) und englische (Deismus, Hume) Texte. Die Schwerpunktsetzung erfolgt je nach Interessen und Vorkenntnisse der Teilnehmenden.
Zur Einführung: Stephen J. Barnett: The Enlightenment and Religion: The Myths of Modernity, Daniel Fulda: Art. “Aufklärung” in: Daniel Weidner (Hg.) Literatur und Religion. Ein Handbuch, Stuttgart 2019, S. 147-154.

Realismus und Resignation. Realistisches Erzählen im späten 19. Jahrhundert / Robert Buch

Spätestens seit Flaubert ist Desillusionierung eines der zentralen Themen des realistischen Romans. So enden Madame Bovarys romantische Träumereien in der Katastrophe; die Ambitionen Frédéric Moreaus in L’Education sentimentale (Erziehung des Herzens) scheitern an der Kontingenz des Lebens, aber auch an der Mittelmäßigkeit des ›Helden‹. Der Kurs fragt nach den politischen, sozialen und kulturellen Hintergründen für diese Tendenz, aber auch, inwiefern Desillusionierung nicht nur auffällig häufig Sujet realistischen Erzählens ist, sondern ebenso auf der formalen oder erzähltechnischen Ebene als das Programmwort von Realismus angesehen werden kann. -- Oder steht sie gerade umgekehrt nicht eigentlich quer zu dessen Anspruch, Wirklichkeit darzustellen, also bei Lesern die Illusion (!) zu erzeugen, dass Dargestellte vor Augen zu haben und mitzuerleben? Wir lesen eine Reihe meist kurzer Romane bzw. längerer Erzählungen von Autoren wie Flaubert, Fontane, James, Conrad und Schnitzler. Darüber hinaus soll es um die paradigmatische Rolle des realistischen Romans im Verständnis dessen, was Literatur überhaupt ist, gehen. Dazu lesen wir einschlägige komparatistische Arbeiten von Erich Auerbach, Roland Barthes, Thomas Pavel, Guido Mazzoni.

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